digitale Schulbücher – kastriertes Potential, gewürzt mit DRM

10 Nov 2012 by MainBrain, 9 Comments »

Ahoj!

Ich war am 29.10. im Georg-Eckert-Institut für Schulbuchforschung in Braunschweig und habe mir dort einen Veranstaltung zum Thema „Das digitale Schulbuch – Schulbuch der Zukunft?“ angetan. Glücklicherweise hatte ich meinen Laptop mit, fleißig mitgetippt und die Folien so gut es ging kopiert, so dass ich nicht nur einigen Braunschweiger Piraten davon berichten konnte, sondern jetzt auch genug Material habe, um darüber zu schreiben. Ich werde erst mal nur berichten, und dann am Ende ein Fazit ziehen. Heise hat übrigens auch über digitale Schulbücher berichtet.

TL;DR: Schulbuchverlage wollen ein Lizenzsystem mit DRM-verseuchten Content installieren, in welchem den Usern gnädig Zugang zu Bildung überlassen wird. Solange er bezahlen kann. Danach nicht mehr. Das ist aus vielerlei Gesichtspunkten (Datenschutz, Recht auf informelle Selbstbestimmung von Schülern und Eltern, open access, Potential zum Schultrojaner, u.v.m.) äußerst bedenklich. Widerstand ist noch möglich, informiert eure Abgeordneten!

 

Anwesend waren zwei Referenten. Ein Herr vom Schroedel Verlag, welcher das Konzept von www.digitale-schulbuecher.de , im weiteren DSB abgekürzt, vorstellte, sowie ein Herr Stefan Kyas von der Westermann Verlagsgruppe, welcher das Unterrichtstool www.onlinediagnose.de anpreiste sowie ca. 50 Zuhörer, die sich aus gefühlt wenigen Studenten, relativ vielen Lehrern und einigen Schulbuchautoren zusammensetzten.

An dem Tag war in BS auch die Solidaritätsdemo für das #refugeecamp in Berlin, so dass ich ca. 5 min. nach Beginn des Vortrages eintraf. Daher habe ich auch den Namen des ersten Referenten nicht mitbekommen. Ich werde da wohl  nochmal beim www.gei.de nachforschen müssen.

Zuerst stellte der Referent die Ist-Situation auf dem deutschen Schul- und Schulbuchmarkt dar.

Derzeit herrscht eine Endgeräte- und Ausstattungsdiversität an den Schulen, und DSB müssen ihre Inhalte auf allen Endgeräten darstellbar machen. Daher werde eine kombinierte on- wie offline-Anbindung von den Schulbuchverlagen favorisiert, d.h. der Nutzer erwirbt stets die Kombination on-offline, wenn er sich das Produkt lizensieren läßt.

Im online-Buchregal wird zukünftig das jeweilige Schulbuch unter www.digitale-schulbuecher.de zu finden sein, im offline-Regal eine Software für PC/Mac und iPad (das ab Ende 2012) vorgehalten. Eine Synchronisation und Aktualisierung zwischen off- und online wird als ideal angesehen.

Weiterhin stellte der Referent die Besonderheiten des digitalen Schulbuches dar, und legte dar, warum Schulbücher nicht für eReader-Devices geeignet sind:

eReader wie etwa das kindle eignen sich für Texte wie etwa Belletristik, haben einfachste Struktur und können Texte automatisch umbrechen. Allerdings sind sie handlich, aber zu klein und können keine graphiklastigen Dateien wiedergeben. Ebenso könne man bei ihnen ePub einsetzen.

Seiten des DSB sollen wie im Buch aus Totholz bearbeitbar bleiben. Aussage der Verlage ist, das das mit eReadern nicht ginge.

Digitale Schulbücher wären hingegen graphiklastig, hätten eine komplexe Struktur, keinen automatischen Umbruch und bräuchten aufgrund dessen relativ große Displays ( > 7´´). Außerdem könne man dann eben auch kein ePub einsetzen.

Im Folgenden stellte er die Rahmenbedingungen im Markt dar. Derzeit müssten Schulbuchverlage vielen formalen Kriterien entsprechen, als da wären:

Datenschutz

  • Landesdatenschutzgesetze (16 versch.)
  • Verordnungen zum Datenschutz in Schulen (unterschiedlich je nach Bundesland)
  • Daten dürfen nur auf europäischen Servern gehostet werden
  • Datensparsamkeit wird angeregt
  • TÜV wird beauftragt, Datenschutz der DSB zu begutachten, ebenso der LDS-Beauftragte SH

Zulassungsverordnungen

  • „Schulbücher sind Druckwerke“ NDS Schulbuchverordnung
    • Den Schulbüchern stehen andere Lernmittel gleich, die in Verordnungen zugelassen sind
  • Lernmittelfreiheit
  • Schulbuchausschreibungen
  • Schulbuchausleihe

Domaingarantie

  • Als Beispiel wurde Bayern erwähnt. Dieses hat Links in Schulbüchern verboten, die auf Server verweisen, die nicht der Hoheit der bayerischen Landesregierung unterstehen. Das entsprechende Schulbuch (gedruckt) wurde nicht für Bayern zugelassen.

Digitale Schulbücher müssen in der Zukunft folgende Features bieten:

  • Notizen müssen einfach einbringbar sein
  • man solle Markierungen setzen können
  • es wird wie ein Totholzprodukt blätterbar
  • Zoomfunktion ist vorgesehen
  • 1:1 die Printversion, da die Zulassungsverordnungen für die Verlage dann einfacher bedienbar wären

Die auf der Infrastruktur der Schüler/der Schulen gespeicherten Dateien des DSB können übrigens vor Ablauf der Lizenz nicht gelöscht werden. Schulungen für das DSB werden von den Verlagen angeboten, außerdem äußerte der Referent die Ansicht, dass evtl. Speicherkapazitätsprobleme entstehen könnten, ebenso ist die Frage des Eingriffs in z.B. Adminrechte unbeantwortet.

Nach dieser Vorstellung kam dann der Herr Stefan Künast dran, der das Bewertungstool http://www.onlinediagnose.de vorstellte.

Er stellte das tool als Kranzmaterial für Lehrer vor, welches zur Diagnose, zum Fördern und zur Evaluation eingesetzt werden kann. Heterogene Lernstände von SuS können einfach erfasst, passgenaue Maßnahmen zur Förderung von Stärken und Ausgleich von Schwächen ergriffen und eine landesweite Evaluation der Ergebnisse kann erfolgen.

Derzeit gibt es die onlinediagnose für die Fächer Deutsch, Englisch und Mathe für die Klassen 5-9 von Haupt-, Realschule und Gymnasium. Onlinediagnose baut auf den DSB der Verlage auf und ist von diesen mitentwickelt. Der Preis läge bei etwa 1€ pro Schüler, ein Schulsatz bei etwa 170€.

Die onlinediagnose sähe dann so aus, dass die SuS innerhalb von 30 Minuten einen Testaufgabebsatz lösen müssen. Das wäre dann z.B. ein Lückentest, ein multiple choice-Test oder ein Test auf das Hörverständnis eines vorgetragenen Textes. Am Ende erhält der Fachlehrer eine Zusammenfassung in Textform, über die Onlinediagnose kann auch ein Vergleich mit Ergebnissen anderer Schüler der gleichen Schulform erfolgen. Die Vergleichsgruppe wäre dann landes- bzw. bundesweit wählbar. Auch eine graphische Auswertung der Klassenergebnisse als Torten-/Balkendiagramm wird angeboten. Der individuelle Leistungsstand der SuS ist innerhalb einer Geschwindigkeits-Ergebnis-Matrix (Zeit vs. % richtige Antworten)darstellbar, ein Ampelprinzip zeigt dem Lehrer schnell, wo Probleme zu erwarten sind.

Individuelle Fördermaterialien sind hinter einer paywall als PDF downloadbar, diese sind dann Arbeitsblätter. Unterschreitet ein Schüler die Förderschranke, bekommt er Arbeitsblätter zum Nacharbeiten, überschreitet ein Schüler die Forderschranke, bekommt er Arbeitsblätter zum weiterentwickeln.

Zur Evaluation könne Lehrkräfte dann einen Nachtest freischalten, dieser ist dann individuell je SuS. Eine Kontrolle der Tests findet mithilfe statistischer Vergleiche statt, und über das Schuljahr ist dann die Entwicklung der individuellen SuS beobachtbar.

Im Anschluss an diesen Teil wurden Fragen gestellt. Auch die habe ich mitgeschrieben.

Frage: Fällt die Printversion auf lange Sicht weg?

Antwort: Das wird dauern. Es wird sicher eine Frage von  Ausstattung, Vertrauen und finanziellen Möglichkeiten. Vermutlich wird es langsam gehen, wohl noch 5-10 Jahren wird es gedruckte Bücher geben, danach mehr digitales als Holz.

Frage: Nach neurologische Folgen: Digitale Demenz von Spitzer wurde erwähnt.

Antwort:  Wurde ziemlich ignoriert. Prof. Spitzer vertritt eine Einzelmeinung.

Frage: Nach Apple und deren Schulbuchprojekt.

Antwort: DSB bleibt hinter heutigen technischen Möglichkeiten zurück, begründet mit formalen Auflagen wie oben angegeben.

Frage: Was passiert mit nutzergeneriertem Content, wenn ein Buch gelöscht wird?

Antwort: Eigener Content bleibt für den Nutzer einsehbar, aber nicht der Urtext, da DRM-F00.

Kurze Ansage des Referenten: Westermann verlegt mehr Schulbücher als es im gesamten französischen Markt gibt.

Frage: Wie soll das sein mit „gelöschten DSB“: Gibt es eine Nachschlagmöglichkeit für die SuS?

Antwort: Wird geprüft. Redner weicht aus. Verweist auf Amazon und den amerikanischen Markt.

 Frage: Datenschutz: Wie sieht es bei den digitalen Tests aus mit der Elterninformation? Entwickelt sich das zum Profiling in der Schule, ist ja schließlich interessant für zukünftige Arbeitgeber der Schüler!

Antwort:  Alle Daten gehören der Schule, Verlage als Dienstleiter weisungsgebunden, daher Verantwortung dort. Lehrer können Entwicklungsprofile erstellen. Daten dürfen nicht an andere Schulen weitergegeben werden.

 Frage: Kommunen sind unterschiedlich – es gibt so manche Leuchtturmschulen. Wie sieht es vor Ort aus, wenn persönliches Engagement nachlässt, Material oder Server veralten?

Antwort: Unbeantwortet. Wird man sehen.

 Frage: Onlinediagnose – wie kommt die Normalkurve zustande, wer und wie testet? Wie sieht es mit Inklusion aus?

Antwort: Legasthenie/Dyskalkulie sind nicht damit diagnostizierbar, evt. wird es aber später für unter HS Leistungsniveau ausgelegt. Der Außendienst der Verlage ist rege in den Schulen unterwegs.

Frage: Wird Inklusion durch DSB leichter unterrichtbar?

Antwort: Vermutlich, weil mehr Möglichkeiten.

 Frage: Potentiale: DSB sind ja nur eine Imitation eines Druckwerkes – wo ist der Mehrwert, wenn ich das als DSB habe?

Antwort: Interaktive Whiteboards sind die Unterrichtsmedien, für die die DSB ausgelegt sind. Spezialisierte Software mit der interaktive Anwendungen möglich sind. Genehmigungssachen, Formalf00 stehen den Verlagen im Wege.

Frage: Anreicherungsgrad: tablets, ist es für die Verlage ein Problem, das sich nicht jeder ein tablet leisten kann? Fragestellerin fragt nach Zögerlichkeit.

Antwort: Inhalte sind dann interessant, wenn viele Kunden erreicht werden können. Verlage haben auf Flash gesetzt, müssen auf HMTL5 umwechseln, Hardware entwickelt sich laut Referent rasanter, als Schulen und Verlage bedienen können.

Frage, auf englisch gestellt: Will there be talking ebooks?

Antwort:  Braille ist in Arbeit, durch die nicht autom. Umbrüche wird ein Vorlesen  jedoch schwierig

Frage an GEI: Was machen sie mit DSB?

Antwort: Ein Buch hält länger als jede Datei. Spannend, wird weiter beobachtet.

Abschluss durch eine Dame des Georg-Eckert-Institutes, danach gab es noch ein lockeres Miteinander mit Saft und Crackern. Dort stellte ich mich dann auch vor, und wir kamen noch etwas über DRM, Copyright und open educational ressources ins Gespräch.

So, und jetzt werde ich das mal persönlich kommentieren:

Schulbuchverlage wollen ein Lizenzsystem mit DRM-verseuchten Content installieren, in welchem den Usern gnädig Zugang zu Bildung überlassen wird. Solange er bezahlen kann. Danach nicht mehr. Das ist aus vielerlei Gesichtspunkten äußerst bedenklich.

Ich nehme das mal auseinander:

1. Datenschutz:

Die legitime Frage, wie erhobene Daten wie etwa aus der onlinediagnose vor Begehrlichkeiten Dritter geschützt werden sollen, ist mir zu billig damit abgetan, dass die Verlage ja nur Dienstleister seien, und die Schulen in der Verantwortung stehen. So nicht, meine Herren. Das Gefahrenpotential ist auch von Ihnen schon erkannt worden, sie als Anbieter müssen da die Verantwortung tragen. Ich denke, wir sollten die Verlage da nicht so einfach vom Haken lassen.

2. Freier Zugang zu Wissen und Bildung

Mit dem Erwerb einer Lizenz zur Nutzung für ein Jahr stoßen die Verlage das Tor zur DRM-Hölle weit auf, verkeilen sie und machen eine Rettung in der Zukunft unmöglich.

Steile These, was?

Dadurch, dass Lizenzen über ein Jahr vergeben werden sollen  – so der Referent -, wird es meines Erachtens den SuS unmöglich gemacht, sinnvoll auf ihre Aufzeichnungen des Vorjahres, etwa nach den Sommerferien, zuzugreifen. Tatsächlich sollen die Bücher, für die keine Lizenz mehr besteht, quasi nur noch verschwommen dargestellt werden, so dass der Content nicht mehr erfassbar ist. Na danke! Ich bitte um eine bessere Lösung. Dass die Verlage Linux im Übrigen nicht einmal erwähnen, finde ich auch bemerkenswert.

Weiterhin wird Bildung und Wissenstransfer hier als Produkt und der Schüler/Lehrer als Kunde betrachtet. Damit ist klar, worum es geht: Unser aller Liebstes, Geld. Nicht, dass ich das den Verlagen tatsächlich ankreide, immerhin sind sie gewinnorientierte Unternehmen, aber statt dass die Verlage eine Serviceleistung für Schulen anbieten, und Content pflegen und aktualisieren, wollen sie ihn besitzen und beherrschen. Pfui.

3. Recht auf informelle Selbstbestimmung von Schülern und Eltern

Wenn ein Schüler heutzutage etwas in sein Totholzbuch schreibt, dann ist das erstmal sein Content, sein Copyright, whatever. Laut Aussage der Referenten stellen die sich bei den Verlagen so vor, dass das auch in den gelöschten/erloschenen Lizenzen noch darstellbar ist. Nur, was nutzt es mir, wenn ich auf irgendetwas geblurrtem meine Notizen, Randbemerkungen oder Zeichnungen noch sehen kann? Vermutlich nicht viel.

4. Schultrojaner, reloaded and ready to fire:

Dadurch dass, die on-wie offlineversionen des DSB “synchronisiert” werden kann, kann der Lizenzgeber ja auch schnell nochmal nach dem Kopienstand, Urheberrechtsverletzungen, etc. Ausschau halten. Bedenklich.

5. Open Access/open educational resources

Wird von den Verlagen völlig ausgeblendet, weil ihren finanziellen Interessen diametral entgegengesetzt. Ich hielte es ja für eine gelungene Piratenaufgabe, ein Schulbuch – Mathe 4. Klasse etwa – crowdgesourced zu generieren, das den jeweiligen Curricula entspricht und ähnlich wie die Kinder wollen Singen Aktion dann den Kultusministerien anzubieten. Kostenlos. Oder ähnlich wie die Wikipedia Texte zusätzlich barrierefrei auch einzusprechen, denn komischerweise schaffen das die Verlage nicht, ein crowdsource-Projekt wie wp schon.

6. Formale Hürden:

Die o.g. Schwierigkeiten sind derzeit anzuerkennen. Die Verlage und die Entscheider in den Kultusministerien hinken den technischen Möglichkeiten um Jahre hinterher. Die Piraten in den Landtagen sind hiermit dazu aufgerufen, Initiative zu ergreifen und neue Wege zu eröffnen.

Das war es jetzt erstmal, ich bin müde, meine Jüngste hat mich hier beim Schreiben auf Trab gehalten. Ich schaue morgen nochmal drüber, und freue mich bis dahin auf Kommentare.

 

 

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9 Comments

  1. [...] "Schulbuchverlage wollen ein Lizenzsystem mit DRM-verseuchten Content installieren, in welchem den Usern gnädig Zugang zu Bildung überlassen wird. Solange er bezahlen kann. Danach nicht mehr. Das ist aus vielerlei Gesichtspunkten (Datenschutz, Recht auf informelle Selbstbestimmung von Schülern und Eltern, open access, Potential zum Schultrojaner, u.v.m.) äußerst bedenklich. Widerstand ist noch möglich, informiert eure Abgeordneten!"  [...]

  2. Thomas sagt:

    Vielen Dank für diese umfassende Darstellung. Sehr gut geschrieben und zusammengefasst.

  3. Frederik sagt:

    Ich war auch bei dem Vortrag. Ein paar Anmerkungen zu den Punkten

    @1 Datenschutz: Ich fand die Frage nach der Verwendung der Daten sehr interessant und berechtigt weil hier in der Tat ein paradigmatischer Wandel anstünde: Verlage sammeln Daten über die Kapaizitäten der Schüler bestimmte Aufgaben zu lösen. Ich sehe hier auch eine potenzial Gefahr. Mal abgesehen davon, dass ich quantitativen Erhebungs- bzw. Mappingverfahren sehr kritisch gegenüberstehe, sollte man meines Erachtens aber nicht nur die Datensicherheit anmahnen, sondern auch das Potenzial herausstellen Wissen zu generieren, das in der Bildungspolitik möglicherweise hilfreicher ist als Studien wie PISA und IGLU.

    @2/3 Freier Zugang: Finde ich ehrlich gesagt etwas dramatisch ausgedrückt. Mit der optionalen Lösung Bücher für einen bestimmten Zeitraum zu leihen wird keine Hölle aufgestoßen – dieses Verfahren ist im Wesentlichen identisch mit dem derzeitigen Zustand an vielen deutschen Schulen: der_die Schüler_in erhält das Schulbuch am Anfang des Schuljahres und gibt es am Ende ab. Danach kann er es oftmals über die Bibliothek der Schule einsehen. Einziger Unterschied: Er konnte vorher Content hinzufügen ohne ihn später ausradieren zu müssen. Das ist immerhin ein Fortschritt. Ich stimme dir zu, dass diese Notizen ohne den Bezugscontent natürlich weniger Sinn ergeben (daher hatte ich die Frage danach gestellt), weswegen ich als Schüler – zumal mit einem Interface das an Windows 3.1 erinnert – meine Notizen nach wie vor lieber auf Papier oder meinem Rechner schreiben würde. Ich denke dennoch, dass man nicht ausschließlich den Vergleich zum Optimum pflegen darf, sondern das Produkt der Verlage durchaus an den Realitäten messen sollte. Und da ist es kein massiver Rückschritt, sondern eher ein versuchter Schritt nach vorne, der leider alles andere als innovativ ist. Ich kann deine abwehrende Haltung bezüglich DRM verstehen, aber ich würde in der Diskussion doch auch um Verständnis für die Haltung der Schulbuchverlage werben. Die sehen einerseits, dass sie digital gehen müssen, gleichzeitig sehen sie, dass ihr digitaler – und übrigens extrem teurer! – content dadurch einfacher denn je unter Verletzung der Copyrights verteilt werden kann.

    @5 Wie du schon sagst kann man zu Open Access nichts von einem gewinnorientiert arbeitenden Privatunternehmen erwarten. Ich finde die Idee crowdgenerierter SB gut und man sollte das definitiv mal ausprobieren. Ich gebe zu bedenken, dass man hier tendenziell reproduziert, was die SB von heute meines Erachtens problematisch macht: die ganzheitliche Komposition. Dein Beispiel, Mathe-SB, mag da eine Ausnahme sein, da im Mathematikunterricht sehr stark in Blöcken gearbeitet werden bzw. wird (Mathematikphilosophie und Geschichte stellen nach meinem Kenntnisstand eher ein ergänzendes Randwerk solcher Lehrwerke da, bin aber nicht auf dem neuesten Stand). Schulbücher aus der Geschichte oder dem Politikunterricht sind da auf eine ganz andere Art und Weise selektiv. Hier, aber auch generell ist es in meinen Augen erforderlich das SB neu zu denken als einen Leitfaden durch das Material, der alternative Leitfäden offenbart und hierdurch einfacher zugänglicher für Kritik ist. Das ist ansatzweise bereits heute bei Zusatzmaterialien der Fall, die im Unterricht eingesetzt werden und nicht nur von Verlagen, sondern auch privat von Lehrern produziert werden. Allerdings darf man meines Erachtens nicht vergessen wie viel Ressourcen ein gutes SB tatsächlich bindet. Freie Erarbeitung von Lehrmaterialien klingt nach einem guten Ansatz, aber es muss Geld drinstecken um zu einem konkurrenzfähigen Werk werden zu können, heißt: es bräuchte wirklich eine Initiative wie in Polen, bei der von Seiten der Politik investiert wird um qualitativ hochwertige offene Materialien zu erstellen. Das ist natürlich erstmal eine pauschale Ansage, die nicht auf alle Materialien zutrifft. Musikblätter, wie du sie bereits nennst, sind ein Beispiel bei dem es einfach geht. Viele Lehrer_innen nutzen auch Lesefibeln kaum noch, weil es den Lehrer_innen hier einfach fällt, Materialien frei uva. dynamisch zusammenzustellen. Bei anderen Lehrformaten ist die Erarbeitung eines kohärenten Begleitwerks für den Unterricht mit entsprechenden Arbeitsaufträgen dagegen eine sehr anspruchsvolle und teure Aufgabe. Ich würde hier also für eine Differenzierung werben. In einigen Fällen bekommt man mit offenen Vorhaben state-of-the-art Produkte (siehe WordPress), bei anderen lohnt es sich Geld zu zahlen (siehe Photoshop).

    • dst sagt:

      Frederik: Word Press als “state of the art”-Produkt zu bezeichnen… öhöm … ;-)

      Ernsthafte Punkte:

      - DRM sollte man mal nicht einzig als ein Problem zwischen Nutzer (Schüler) und Anbieter (Verlag) sehen. Da geht der Vergleich zum Papier-Schulbuch, was man nur solange besitzt (ohne Eigentum daran zu haben), solange man in die Schule/in die Klasse geht. DRM hat das Problem, dass jegliche Entscheidung über Zugang zum digitalen Produkt dem Verkäufer unterliegt (das alte Kindle-Problem bzw. der Bekkelund-Fall…). Bislang erwirbt die Schule bzw. der Schulträger immerhin das Eigentum am Schulbuch,

      - Ich bin ein wenig skeptisch, inwiefern diese ganzen Datenschutzargumente tragen. “Man” bzw. der Anwendungsentwickler könnte ja relativ zuverlässig Sorge tragen, dass Nutzerdaten “auf” dem Schulbuch bestmöglich geschützt sind. Und im Grunde gibt es ja auch Daten, die man möglicherweise gar nicht verbergen, sondern besser teilen sollte? “shared comments” / Lösungen vergleichen / Gamification innerhalb von Lerngruppen etc. wären ja auch mal interessante Ideen.
      Die Zertifizierung des Datenschutzes sieht mir eher nach einem Scheinargument aus, warum die inhaltliche Synchronisierung nicht umgesetzt wird. Das ist am Ende wieder ein Lizenzproblem bzw. ans DRM angegliedert, dass nämlich die Schüler ihre Daten und ihre Bücher auf alle ihre Endgeräte und zwischen diesen hin und her bewegen könnten. Ich will nicht unsachlich werden, aber ich höre leise “Wo kämen wir denn da hin?” am Horizont.

      Grundsätzlich: Ich habe in dieser Sache schon relativ viele bunte Argumente und Ideen gehört (z.B. dass das typische Endgerät ja nach wie vor der Desktop-PC sei…). Beim Thema digitaler Schulbuchangebote muss man glaube ich die unglückliche Vermischung von Diskursen um “Chancen und Risiken” “moderner” Technologie (Anführungszeichen aus gutem Grund), einem bürokratisch sehr streng reglementierten Feld, einem sehr emotional gefärbten und durch mediale Diskurse wiederum mit Zukunftsängsten und -erwartungen aufgeladenen Thema berücksichtigen.

      Ich überlege noch, ob da ein Augenzwinkern dahinter gehört oder nicht ;-)

  4. Frederik sagt:

    @dst

    Ich glaube es kommt ein wenig darauf an, wo man seine Prioritäten setzt. Ich halte WordPress für ein sehr gutes Produkt und ich denke, dass auch die Nutzer_innenzahlen spiegeln eine gewisse Zufriedenheit anderer wider. Ob die berechtigt oder unberechtigt ist, sollte man den Nutzer_innen überlassen.

  5. Hans sagt:

    ” … Ich hielte es ja für eine gelungene Piratenaufgabe, ein Schulbuch – Mathe 4. Klasse etwa – crowdgesourced zu generieren, das den jeweiligen Curricula entspricht und ähnlich wie die Kinder wollen Singen Aktion dann den Kultusministerien anzubieten. Kostenlos. ”

    Obwohl keine “organisierten Piraten” ;) , sind wir diese Aufgabe vor rund drei Wochen engagiert angegangen: Mit Hilfe der Crowdfunding-Plattform Startnext möchten wir das erste offene und freie elektronische Schulbuch Deutschlands publizieren – ohne Verlage, alles frei zu verwenden und zu kopieren (unter der Creative Commons-Lizenz CC BY). Als Pilotprojekt ist ein Biologiebuch für die Klassenstufe 7/8 geplant, das im Schuljahr 2013/2014 vorliegen soll. http://www.startnext.de/schulbuch-o-mat

    Ein Versuch, der vorerst einmal sehr erfolgreich gestartet ist (s. auch teilweise dokumentiertes Medieninteresse unter http://www.facebook.com/pages/Schulbuch-O-Mat/316876505087288), noch aber liegt ein langer Weg vor uns (ahnen wir) …

  6. [...] "Schulbuchverlage wollen ein Lizenzsystem mit DRM-verseuchten Content installieren, in welchem den Usern gnädig Zugang zu Bildung überlassen wird. Solange er bezahlen kann. Danach nicht mehr. Das ist aus vielerlei Gesichtspunkten (Datenschutz, Recht auf informelle Selbstbestimmung von Schülern und Eltern, open access, Potential zum Schultrojaner, u.v.m.) äußerst bedenklich. Widerstand ist noch möglich, informiert eure Abgeordneten!"  [...]

  7. [...] "Schulbuchverlage wollen ein Lizenzsystem mit DRM-verseuchten Content installieren, in welchem den Usern gnädig Zugang zu Bildung überlassen wird. Solange er bezahlen kann. Danach nicht mehr. Das ist aus vielerlei Gesichtspunkten (Datenschutz, Recht auf informelle Selbstbestimmung von Schülern und Eltern, open access, Potential zum Schultrojaner, u.v.m.) äußerst bedenklich. Widerstand ist noch möglich, informiert eure Abgeordneten!"  [...]

  8. [...] nicht verzichten werden: Curation. Kein Anbieter von Inhalten wird künftig allein unterwegs sein. Die Diskussion um die neue Plattform für Lehrer und Schüler (hier nur ein Beispiel von vielen, das die bekannten Fronten wiederholt) zeigt das: Die [...]

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